Magische Momente und empörte Leser

„Empört Euch!“ fordert Stéphane Hessel in seinem gleichnamigen Essay. Der französische Autor formuliert darin einen Aufruf zum Widerstand gegen prekäre Entwicklungen der spätkapitalistischen Gesellschaft, wie sie angesichts der Finanzkrise sichtbar und durch sie beschleunigt werden. Hessel, Zeitzeuge eines ganzen Jahrhunderts: Er überlebte den Holocaust, da war er schon ein erwachsener Mann. Bis zu seinem Tod vor wenigen Wochen engagierte er sich gegen soziale und politische Missstände. Wie man im Allgemeinen auch zu gesellschaftskritischen Positionen stehen mag, dem in deutscher Übersetzung 2011 erschienenen schmalen Bändchen fehlt es nicht an Substanz. Innerhalb kurzer Zeit schaffte es der Text dann auch zum Bestseller. Und wieder einmal setzte der allbekannte Reflex ein, den die Ratgeber- und Sachbuchbranche unverhohlen wie keine andere zelebriert. „Empört Euch!“, der Titel zieht. Also gleich Trittbrettfahren, zum Beispiel mit „Vernetzt Euch!“ (Lina Ben Mhenni), „Beruhigt Euch!“ (Silke Burmester), „Stoppt das Euro-Desaster!“ (Max Otte) und ganz frisch aus der Mottenkiste: „Hört auf zu arbeiten!“ von Anja Förster und Peter Kreuz. Die frech auffordernden Titel wollen einem doch tatsächlich weismachen, man habe sein Leben bis heute völlig falsch gelebt. Mal geschaut, wie man es denn richtig gestalten sollte. Da lässt sich bei Förster und Kreuz von dem „Magical Moment“ lesen, der den Beginn von etwas ganz Neuem einläutet, den Beginn eines Lebens, das man nicht etwa nur „gut“, sondern „genial“ meistert. Der Leser soll sich als „Künstler“ begreifen und tun, was ein Künstler eben so tut. Wow. Danke für diesen Tipp, liebe Ratgeber, aber die Zeiten, in denen ich unter selbst bemalten Brücken schlafen musste, habe ich hinter mir gelassen. (Das Ausrufezeichen lasse ich jetzt weg, das steht allein dem Hessel zu.)

Ein lesenswerter Nachruf auf Hessel:

http://schlossfestspiele.wordpress.com/2013/02/27/stephane-hessel-1917-2013/

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