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Literatur

Studierenden und Lehrkörpern deutscher Hochschulen wird die rasante Umstrukturierung der Recherche- und Ausleihsysteme an den Bibliotheken nicht entgangen sein. Literatur, auch über sehr spezielle Themen, lässt sich heute mit geringstem zeitlichen Aufwand finden. Unter der leicht zu bedienenden Benutzeroberfläche der Kataloge aber steckt ein immenser Apparat von Verbundsystemen, Metadaten und Nutzerhistorien. Es werden Daten angehäuft, die beispielsweise dazu hinreichen, das Leseverhalten Einzelner abzubilden – also besonders schützenswerte Daten. Ist etwa damit zu rechnen, dass uns ein Herr Snowden bald über die nächste Ausspäh-Aktion aufklärt? Nein! Es geht auch ganz ohne Whistleblower. Denn engste Kooperationen etlicher staatlicher Bibliotheken mit Amazon, Google und weiterer Global-IT-Player ist längst Alltag. Und die NSA braucht sich nicht einmal um den Datensalat zu bemühen. Der Heidelberger Germanist Roland Reuß beobachtet die riskante Entwicklung mit Sorge, oft mahnt er vor drohendem Unheil. In einem aufrüttelnden Beitrag in der heutigen FAZ zeichnet er Fehlentwicklungen nach und malt ein Schreckensbild der Konsequenzen vor dem Hintergrund des hemmungslosen Datenabgriffs staatlich legitimierter Abhör-Behörden. Reuß‘ Beitrag „Sie nennen es Service, dabei ist es Torheit“ lässt sich unter http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/datenschutz-in-bibliotheken-sie-nennen-es-service-dabei-ist-es-torheit-12659003.html abrufen.

„Empört Euch!“ fordert Stéphane Hessel in seinem gleichnamigen Essay. Der französische Autor formuliert darin einen Aufruf zum Widerstand gegen prekäre Entwicklungen der spätkapitalistischen Gesellschaft, wie sie angesichts der Finanzkrise sichtbar und durch sie beschleunigt werden. Hessel, Zeitzeuge eines ganzen Jahrhunderts: Er überlebte den Holocaust, da war er schon ein erwachsener Mann. Bis zu seinem Tod vor wenigen Wochen engagierte er sich gegen soziale und politische Missstände. Wie man im Allgemeinen auch zu gesellschaftskritischen Positionen stehen mag, dem in deutscher Übersetzung 2011 erschienenen schmalen Bändchen fehlt es nicht an Substanz. Innerhalb kurzer Zeit schaffte es der Text dann auch zum Bestseller. Und wieder einmal setzte der allbekannte Reflex ein, den die Ratgeber- und Sachbuchbranche unverhohlen wie keine andere zelebriert. „Empört Euch!“, der Titel zieht. Also gleich Trittbrettfahren, zum Beispiel mit „Vernetzt Euch!“ (Lina Ben Mhenni), „Beruhigt Euch!“ (Silke Burmester), „Stoppt das Euro-Desaster!“ (Max Otte) und ganz frisch aus der Mottenkiste: „Hört auf zu arbeiten!“ von Anja Förster und Peter Kreuz. Die frech auffordernden Titel wollen einem doch tatsächlich weismachen, man habe sein Leben bis heute völlig falsch gelebt. Mal geschaut, wie man es denn richtig gestalten sollte. Da lässt sich bei Förster und Kreuz von dem „Magical Moment“ lesen, der den Beginn von etwas ganz Neuem einläutet, den Beginn eines Lebens, das man nicht etwa nur „gut“, sondern „genial“ meistert. Der Leser soll sich als „Künstler“ begreifen und tun, was ein Künstler eben so tut. Wow. Danke für diesen Tipp, liebe Ratgeber, aber die Zeiten, in denen ich unter selbst bemalten Brücken schlafen musste, habe ich hinter mir gelassen. (Das Ausrufezeichen lasse ich jetzt weg, das steht allein dem Hessel zu.)

Ein lesenswerter Nachruf auf Hessel:

http://schlossfestspiele.wordpress.com/2013/02/27/stephane-hessel-1917-2013/

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