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Politik

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Wir fahren fossil!

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„Dass die Weißwurst zu Deutschland gehört, ist eine Tatsache, die sich auch aus der Historie nirgends belegen lässt“ (frei nach Hans-Peter Friedrich). Doch gehört sie zu Deutschland. Die Weißwurst. Ganz ohne Geschichte? Irgend eine Geschichte wird sie haben, eine, die vom Zuzeln und Lutschen handelt. Höchste Zeit, dass sie erzählt wird. Vielleicht eine Aufgabe für unseren künftigen Landwirtschaftsminister. Der hatte es als Minister des Innern allerdings so gar nicht mit Geschichte, war ganz und gar mit Armutsflüchtlingen, Plakataktionen und der Zuschusterei vermeintlicher Forschungsergebnisse beschäftigt. Und natürlich damit, die Islamkonferenz glanzvoll scheitern zu lassen. Nun ja, eine zweite Chance verdient jeder, wird sich Kanzlerin Merkel gedacht haben, als sie sich für den Wiedereinsatz Friedrichs entschied. Jetzt eben im Landwirtschaftsministerium. Sicher ist sicher, da wird er nicht allzu viel anrichten. Gute deutsche Weißwurst doch aber sicher schon?

Studierenden und Lehrkörpern deutscher Hochschulen wird die rasante Umstrukturierung der Recherche- und Ausleihsysteme an den Bibliotheken nicht entgangen sein. Literatur, auch über sehr spezielle Themen, lässt sich heute mit geringstem zeitlichen Aufwand finden. Unter der leicht zu bedienenden Benutzeroberfläche der Kataloge aber steckt ein immenser Apparat von Verbundsystemen, Metadaten und Nutzerhistorien. Es werden Daten angehäuft, die beispielsweise dazu hinreichen, das Leseverhalten Einzelner abzubilden – also besonders schützenswerte Daten. Ist etwa damit zu rechnen, dass uns ein Herr Snowden bald über die nächste Ausspäh-Aktion aufklärt? Nein! Es geht auch ganz ohne Whistleblower. Denn engste Kooperationen etlicher staatlicher Bibliotheken mit Amazon, Google und weiterer Global-IT-Player ist längst Alltag. Und die NSA braucht sich nicht einmal um den Datensalat zu bemühen. Der Heidelberger Germanist Roland Reuß beobachtet die riskante Entwicklung mit Sorge, oft mahnt er vor drohendem Unheil. In einem aufrüttelnden Beitrag in der heutigen FAZ zeichnet er Fehlentwicklungen nach und malt ein Schreckensbild der Konsequenzen vor dem Hintergrund des hemmungslosen Datenabgriffs staatlich legitimierter Abhör-Behörden. Reuß‘ Beitrag „Sie nennen es Service, dabei ist es Torheit“ lässt sich unter http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/datenschutz-in-bibliotheken-sie-nennen-es-service-dabei-ist-es-torheit-12659003.html abrufen.

Der in Südafrika lehrende Soziologe Thomas M. Blaser bringt einen äußerst umsichtigen Gastbeitrag auf Süddeutsche.de unter dem Titel „Taktloses aus der Ex-Kolonie“. Darin befasst er sich mit der RTL-Realityshow „Wild Girls. Auf High Heels durch Afrika“. Die Kandidatinnen lässt er weitgehend außer Acht, um sich kritisch mit dem stark kolonialistisch eingetrübten Blick einiger deutscher Medien auf dieses Sommerloch-Spektakel auseinanderzusetzen. Lesenswert!

Die Debatte um die Wissenschaftlichkeit der Genderforschung schlägt derzeit hohe Wellen. Darauf reagiert nun das Gunda-Werner-Institut der Heinrich-Böll-Stiftung und legt unter dem Titel „Gender, Wissenschaftlichkeit und Ideologie“ eine Broschüre vor. Sie soll eine Argumentationshilfe gegen Vorhaltungen der Unwissenschaftlichkeit bieten. Die Publikation richtet sich an „Organisationsvertreter_innen und Aktivist_innen sowie Institutionen, die in diesem Bereich unterwegs sind“. Ohne einem dieser Kreise anzugehören, schauen wir doch einmal hinein.

Manche halten es für einen Mythos: Da kommt ein quirliger Komiker daher und entlarvt eine ganze Forschungseinrichtung – mit dem Resultat, dass staatliche Förderungen in Millionenhöhe eingestellt werden. Im vergangenen Jahr verbreitete sich die Nachricht von der Schließung des norwegischen Instituts für Genderstudies „Nationella sekretariatet för genusforskning“ (NIKK). Der politische Entschluss über die Streichung der Mittel fällt in einen Zeitraum, in dem die Sendung „Hjernevask“ (zu Deutsch: „Gehirnwäsche“) des Entertainers und Soziologen Harald Eia im norwegischen Fernsehen gezeigt wurde. Eia kontrastierte Statements von Vertretern technischer und naturwissenschaftlicher Fachrichtungen mit Aussagen von Genderforschern, und es gelang ihm, letztere als sehr fragwürdig darzustellen. Ob nun die Verantwortlichen Ihre Entscheidung im Lichte der Ausstrahlung dieser Sendung getroffen haben, sei dahingestellt. Viel reizvoller erscheint die Frage, auf die Eias Beitrag letztlich hinausläuft: Hat sich die geistes- und sozialwissenschaftlich betriebene Genderforschung nicht längst überholt? Wasser auf den Mühlen der Naturalisten, wenn Genderforscher ins Straucheln geraten, sobald man Ihnen einen Legitimationsgrund für Ihre Tätigkeit abverlangt. Aber eigentlich liegt der doch auf der Hand: Die Ungleichbehandlung der Geschlechter ist ein komplexes gesellschaftliches Phänomen. Das ist schon alles. Als solches Phänomen ist es der wissenschaftlichen Betrachtung nicht mehr und nicht weniger „wert“ als etwa das Feld der Gesundheitspolitik oder die sozialpsychologische Figur des Clowns. Sicherlich lässt sich nicht behaupten, das Anerkennungsproblem sei allein hausgemacht. Zu groß ist dafür der Widerstand, der sich zwischen Chefetage und Stammtisch gegen die Gleichstellung der Geschlechter schanzt. Und dennoch, ohne Selbstverschulden sind Genderforscher nicht für das Image Ihres Faches. Die Kommunikation außerhalb akademischer Kreise verläuft häufig nicht nur miserabel, sie geht auch an der Sache vorbei. Verbindet man mit der Forschungstätigkeit das Gender-Mainstreaming als konkretes Ziel sozialer Praxis, ist der Anspruch, das Programm in der breiten Bevölkerung zu verankern, hoch, aber er ist einzulösen. Ganz sicher gelingt das nicht durch Wiederholung verstaubter Plattitüden. „Die Konditionierung durch das Frauenbild unserer Kinderspielzimmer von Grimms Märchen über Lillifee bis zu Barbie lässt Mädchen diese Sendung [Germany’s Next Topmodel] sehen, ohne vor Wut abzuschalten“, schreibt Stevie Meriel Schmiedel unlängst in der FAZ. Dass zum Beispiel die weltberühmte Barbie schon bei unseren Jüngsten ansetzt und es unternimmt, sie in die Schablone der Geschlechterbinarität einzupassen, stimmt – und es stimmte auch schon im vergangenen Jahrzehnt und auch in den 90ern, 80ern, 70ern und 60ern des letzten Jahrhunderts. Fünfzig Jahre, in denen die Barbie für schuldig erklärt wird. Und am Ende stehen die Kläger mit der blonden Plastikpuppe im selben teuflischen Bunde. Hat sich in der Zwischenzeit denn gar nichts getan? Aber ja! Im Kern geht es doch um die Konstruktion von Grenzen. Die gesellschaftlichen Mechanismen, die sich dahinter verbergen, zu enthüllen, bedeutet echte Aufklärungsarbeit. Eine Pionierleistung im Geiste dieser Aufklärung ist Donna Haraway zu verdanken. Ihr „Cyborg Manifesto“ glänzt als raffinierte Aufschlüsselung des verinnerlichten Mann-Frau-Verständnisses. An keiner Stelle begegnet man seichter Polemik, ihre Methode ist die Ironie. Und „Borat“? In der satirischen Mockumentary vereint Sacha Baron Cohen (schon wieder so ein Komiker, dazu verwandt mit dem Psychologen Simon Baron-Cohen) so ziemlich jede diskriminierende und menschenverachtende Sichtweise in der Rolle des Protagonisten. Während einer Reise durch die USA konfrontiert Borat ausgerechnet und ironischerweise Feministinnen mit derben Sexismen. Den Frauen verschlägt es die Sprache – außerstande, das Schauspiel zu durchblicken. Was am Männlein konstruiert ist, wurde seither nicht mehr so gekonnt demaskiert – vor großem Publikum. Genau dieser lästerliche Bruch der Konventionen ist es, den Haraway als ihre Blasphemie bezeichnet. Und hierzulande? Keine Frage, Gleichstellung hat in vielen Lebensbereichen Fortschritte erzielt. Die Genderforschung hat ihren Anteil daran. Zahlreiche Studien weisen ein sauberes Forschungsdesign auf, stellen die Empirie ins Zentrum Ihrer Betrachtungen und formulieren konkrete Handlungsempfehlungen. Die Gewichtung der öffentlichen Wahrnehmung liegt allerdings anderswo. Das zeigt sich unter anderem in der bemerkenswert hohen Zahl von Reaktionen, die der Artikel „Schlecht, schlechter, Geschlecht“ von Harald Martenstein hervorgerufen hat. Der flapsig, aber recht unterhaltsam verfasste Text, in dem ein weiterer Angriff auf die akademisierte Genderforschung gefahren wird, erhielt massenhaft zustimmende Kommentare. Klarerweise gab es auch kritische Repliken, konstruktive und leider auch solche, in denen wahre Worte im Widerhall eines lauten Keifens verklangen. Akademiker sollten einer populärwissenschaftlichen Darstellung nicht beleidigt entgegen trotzen, sondern in eben jener populärwissenschaftlichen Sprache antworten. Manchem Genderforscher scheint es schwerzufallen, das Ziel seiner Bemühungen in einfachen Worten zu beschreiben. Analoges geschieht in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Immer wieder prallen Naturwissenschaften und Genderforschung (im engeren Sinne als Kulturwissenschaft) aufeinander, ohne sich auf das jeweilige Begriffsinventar zu verständigen. In Zeiten nach Foucault, Habermas und Co. sollte das doch gelingen. So bleibt es dann eben bei den zwei Diskursen – und alles offen. (Übrigens liefert Haraways Arbeit auch für diesen Vermittlungsprozess ganz wesentliche Impulse.) Schließlich gibt es da noch den Dauerbrenner: Seit Jahr und Tag werden Anstrengungen belächelt, eine korrekte Schreibweise zu etablieren. Binnen-I, Klammerung, Schrägstrich, Gender-Gap, dann noch Sternchen muten an wie der ständige Lauf vor die Wand. Wie skurril müssen dem Alltagsbewusstsein ein „Offener Brief der fem-me-inistischen aktion zu Sexismus/Femininitätsfeindlichkeit in Trans*Communities“ oder die Pressemeldung vorkommen, zu der sich die Universität Leipzig genötigt sah: „Richtigstellung: Kein Herr Professorin an der Universität Leipzig“? Ruinös kann der leichtfertige Gebrauch der Sprache sein. Dabei ist sie doch alles, was wir haben.

Anmerkung: Im Sinne einer lesefreundlichen Darstellung wird nur das maskuline Genus verwendet. Wo nicht explizit erwähnt, sind stets alle Geschlechter gemeint.

Gute Nachricht für alle, die in der hart umkämpften Medienbranche Fuß fassen möchten, aufgrund von Ungereimtheiten in ihrer Vita allerdings noch zögern, die Initiative zu ergreifen. Auch mit einem „etwas brüchigen“ Lebenslauf kann man es bis ganz nach oben schaffen:

„Karl-Heinz Dellwo, geb. 1952 in Opladen, wuchs in NRW, in der Eifel, im Saarland und im Schwarzwald auf. Volksschule, Wirtschaftsschule ohne Abschluss. Seit 1972 zugehörig zur undogmatischen Linken in Hamburg. 1973 Teilnahme an der Hausbesetzung in der Hamburger Eckhofstraße mit anschließend einem Jahr Gefängnis, 1975 Mitglied des RAF-Kommandos Holger Meins bei der Besetzung der deutschen Botschaft in Stockholm, danach über 20 Jahre im Gefängnis. Heute tätig als Autor, Filmemacher und Verleger. Mitbegründer des LAIKA-Verlags.“

Quelle: Verlagsportrait des LAIKA-Verlags

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