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Rezensionen

Heute mal ein Thema, das uns alle umtreibt: satanischer Speedmetal. – Okay, trifft vielleicht nicht jeden Geschmack. Einen Anlass gibt es aber trotzdem, denn rechtzeitig zum Weihnachtsfest ist das Album „In the Minds of Evil“ der Band „Deicide“ erschienen. Nun also das elfte Studioalbum. Und? Sind die Jungs ruhiger geworden? Nicht wirklich. An dem unverkennbaren Sound wurde aber schon gefeilt. Das Album erhielt eine besondere Note, die allem voran der Gesangstechnik Glen Bentons geschuldet ist. Nicht nur, dass Texte über weite Strecken ungewöhnlich deutlich artikuliert werden, Benton färbt seine Stimme auf diesem Album auch in helleren Nuancen – stellenweise kreischt er sich zum Prototyp des Thrash Metals. Die Arrangements der Songs sind strukturierter, ganz im Gegensatz zu den anarchischen Kompositionen des frühen Legion-Albums. Natürlich ist „In the Minds of Evil“ technisch perfekt umgesetzt. Nach dem Wechsel der Band vom Roadrunner- zum Earache-Label und dem Fortgang der Hoffman-Brüder mangelt es der aktuelle Formation nicht an musikalischen Fähigkeiten auf höchstem Niveau. Deicide hat noch lange nicht ausgespielt. So ist das neue Werk gespickt mit Raffinessen. Zum Beispiel werden die Tonhöhenveränderungen des im zehnten Track hingelegten Gitarrensolos allein durch das Tremolo erzeugt. Dazu drescht Drummer Steve Asheim geniale Breaks. Auch wenn die Platte einige konstruiert wirkende Passagen einschließt, ist sie ein echter Höllentrip. Und als Weihnachtsgeschenk mit Sicherheit der Brüller. Ach ja, wer der Kombo seit den frühen Neunzigern anhängt und die Textinhalte kennt, wird mit dem musikalischen Genuss nicht den Drang verspüren, auf ewig im Reich des Teufels zu brennen. Auf der anderen Seite transportieren die Texte nicht bloß ein Image brachialer Metalkönige. Sie gehören einfach zu dieser Musik, eben so, wie das Sujet der unbeschwerten Liebe klanglich in Liedern der Helene Fischer zum Ausdruck kommt, Punkrock anti ist oder … Naja, ist auch egal. Gott weiß, der Sound rockt.

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Ich kann es nicht glauben. Dass unsere Jugend sich von dem talentfreien Sprechgesang der Pandamaske „Cro“ hinreißen lässt und dessen passförmig getextete Schnulze „Whatever“ an die Chartspitze hievt. Nein! Das kann ich nicht glauben. Media Control ist hier sicher ein gravierender Fehler bei der Ermittlung der Singleverkäufe unterlaufen. Oder die Musikindustrie hat sich im letzten Gefecht um ihre Existenz gegen die Menschheit verschworen, um klar vor Ohren zu führen: „Hört her, so wird es immer weiter quieken, wenn ihr uns nicht wertschätzt.“ Oder es sind eben doch Aliens im Spiel. Eine andere Erklärung kann es für den Wahnsinn nicht geben. Als ich in der vergangenen Woche mal wieder die TV-Sender durchgeschaltet habe, brachte ein Moderator auf einem der öffentlich-rechtlichen die Ansage: „Und nun Deutschlands Nummer-eins-Hit.“ Da wollte es mir einfach nicht gelingen abzuschalten. Eben so, wie man es von grausamen Unfallbildern her kennt, die man sich nicht anschauen, bei denen man aber auch nicht wegsehen kann. Wer, bitte schön, hört sich so etwas an. Marktkonformes Geträller, Zeile für Zeile, nicht nur an jenen Stellen, die offenbar durch „Nike“, „Jim“, „WhatsApp“ und „Beck’s“ gesponsert werden. Das Leben aus Suff, Party und „Chicks“, welches Cro völlig klanglos vorgaukelt, ist durchschaubar wie chinesische Glasnudelsuppe. Das lässt sich auch nicht durch Hanfblatt gemusterte Socken in dem Video oder durch das umgedrehte Kreuz auf Cros Maske verklären. Wo ist nur die revolutionäre Kraft vergangener Generationen geblieben, mit der gegen Eltern, gegen die Gesellschaft, gegen die ganze Welt aufbegehrt wurde? Eine Kraft, die in der Erfindung bahnbrechender Musiken ihren Ausdruck gefunden hat, mit Liedern, die dem Hörer die Grenzen der Musik erahnen ließen und übrigens immer wieder auch den Weg in die oberen Verkaufsplatzierungen gefunden haben. Tja, vorbei die phantastischen Zeiten der großen Kunst – einstweilen. Denn ein Hoffnungsschimmer tut sich auf: In dieser Woche fällt „Whatever“ auf Platz drei. Vielleicht geht es für die Jugend irgendwann doch wieder bergauf.

„Empört Euch!“ fordert Stéphane Hessel in seinem gleichnamigen Essay. Der französische Autor formuliert darin einen Aufruf zum Widerstand gegen prekäre Entwicklungen der spätkapitalistischen Gesellschaft, wie sie angesichts der Finanzkrise sichtbar und durch sie beschleunigt werden. Hessel, Zeitzeuge eines ganzen Jahrhunderts: Er überlebte den Holocaust, da war er schon ein erwachsener Mann. Bis zu seinem Tod vor wenigen Wochen engagierte er sich gegen soziale und politische Missstände. Wie man im Allgemeinen auch zu gesellschaftskritischen Positionen stehen mag, dem in deutscher Übersetzung 2011 erschienenen schmalen Bändchen fehlt es nicht an Substanz. Innerhalb kurzer Zeit schaffte es der Text dann auch zum Bestseller. Und wieder einmal setzte der allbekannte Reflex ein, den die Ratgeber- und Sachbuchbranche unverhohlen wie keine andere zelebriert. „Empört Euch!“, der Titel zieht. Also gleich Trittbrettfahren, zum Beispiel mit „Vernetzt Euch!“ (Lina Ben Mhenni), „Beruhigt Euch!“ (Silke Burmester), „Stoppt das Euro-Desaster!“ (Max Otte) und ganz frisch aus der Mottenkiste: „Hört auf zu arbeiten!“ von Anja Förster und Peter Kreuz. Die frech auffordernden Titel wollen einem doch tatsächlich weismachen, man habe sein Leben bis heute völlig falsch gelebt. Mal geschaut, wie man es denn richtig gestalten sollte. Da lässt sich bei Förster und Kreuz von dem „Magical Moment“ lesen, der den Beginn von etwas ganz Neuem einläutet, den Beginn eines Lebens, das man nicht etwa nur „gut“, sondern „genial“ meistert. Der Leser soll sich als „Künstler“ begreifen und tun, was ein Künstler eben so tut. Wow. Danke für diesen Tipp, liebe Ratgeber, aber die Zeiten, in denen ich unter selbst bemalten Brücken schlafen musste, habe ich hinter mir gelassen. (Das Ausrufezeichen lasse ich jetzt weg, das steht allein dem Hessel zu.)

Ein lesenswerter Nachruf auf Hessel:

http://schlossfestspiele.wordpress.com/2013/02/27/stephane-hessel-1917-2013/

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