Ich kann es nicht glauben. Dass unsere Jugend sich von dem talentfreien Sprechgesang der Pandamaske „Cro“ hinreißen lässt und dessen passförmig getextete Schnulze „Whatever“ an die Chartspitze hievt. Nein! Das kann ich nicht glauben. Media Control ist hier sicher ein gravierender Fehler bei der Ermittlung der Singleverkäufe unterlaufen. Oder die Musikindustrie hat sich im letzten Gefecht um ihre Existenz gegen die Menschheit verschworen, um klar vor Ohren zu führen: „Hört her, so wird es immer weiter quieken, wenn ihr uns nicht wertschätzt.“ Oder es sind eben doch Aliens im Spiel. Eine andere Erklärung kann es für den Wahnsinn nicht geben. Als ich in der vergangenen Woche mal wieder die TV-Sender durchgeschaltet habe, brachte ein Moderator auf einem der öffentlich-rechtlichen die Ansage: „Und nun Deutschlands Nummer-eins-Hit.“ Da wollte es mir einfach nicht gelingen abzuschalten. Eben so, wie man es von grausamen Unfallbildern her kennt, die man sich nicht anschauen, bei denen man aber auch nicht wegsehen kann. Wer, bitte schön, hört sich so etwas an. Marktkonformes Geträller, Zeile für Zeile, nicht nur an jenen Stellen, die offenbar durch „Nike“, „Jim“, „WhatsApp“ und „Beck’s“ gesponsert werden. Das Leben aus Suff, Party und „Chicks“, welches Cro völlig klanglos vorgaukelt, ist durchschaubar wie chinesische Glasnudelsuppe. Das lässt sich auch nicht durch Hanfblatt gemusterte Socken in dem Video oder durch das umgedrehte Kreuz auf Cros Maske verklären. Wo ist nur die revolutionäre Kraft vergangener Generationen geblieben, mit der gegen Eltern, gegen die Gesellschaft, gegen die ganze Welt aufbegehrt wurde? Eine Kraft, die in der Erfindung bahnbrechender Musiken ihren Ausdruck gefunden hat, mit Liedern, die dem Hörer die Grenzen der Musik erahnen ließen und übrigens immer wieder auch den Weg in die oberen Verkaufsplatzierungen gefunden haben. Tja, vorbei die phantastischen Zeiten der großen Kunst – einstweilen. Denn ein Hoffnungsschimmer tut sich auf: In dieser Woche fällt „Whatever“ auf Platz drei. Vielleicht geht es für die Jugend irgendwann doch wieder bergauf.

Die Debatte um die Wissenschaftlichkeit der Genderforschung schlägt derzeit hohe Wellen. Darauf reagiert nun das Gunda-Werner-Institut der Heinrich-Böll-Stiftung und legt unter dem Titel „Gender, Wissenschaftlichkeit und Ideologie“ eine Broschüre vor. Sie soll eine Argumentationshilfe gegen Vorhaltungen der Unwissenschaftlichkeit bieten. Die Publikation richtet sich an „Organisationsvertreter_innen und Aktivist_innen sowie Institutionen, die in diesem Bereich unterwegs sind“. Ohne einem dieser Kreise anzugehören, schauen wir doch einmal hinein.

Manche halten es für einen Mythos: Da kommt ein quirliger Komiker daher und entlarvt eine ganze Forschungseinrichtung – mit dem Resultat, dass staatliche Förderungen in Millionenhöhe eingestellt werden. Im vergangenen Jahr verbreitete sich die Nachricht von der Schließung des norwegischen Instituts für Genderstudies „Nationella sekretariatet för genusforskning“ (NIKK). Der politische Entschluss über die Streichung der Mittel fällt in einen Zeitraum, in dem die Sendung „Hjernevask“ (zu Deutsch: „Gehirnwäsche“) des Entertainers und Soziologen Harald Eia im norwegischen Fernsehen gezeigt wurde. Eia kontrastierte Statements von Vertretern technischer und naturwissenschaftlicher Fachrichtungen mit Aussagen von Genderforschern, und es gelang ihm, letztere als sehr fragwürdig darzustellen. Ob nun die Verantwortlichen Ihre Entscheidung im Lichte der Ausstrahlung dieser Sendung getroffen haben, sei dahingestellt. Viel reizvoller erscheint die Frage, auf die Eias Beitrag letztlich hinausläuft: Hat sich die geistes- und sozialwissenschaftlich betriebene Genderforschung nicht längst überholt? Wasser auf den Mühlen der Naturalisten, wenn Genderforscher ins Straucheln geraten, sobald man Ihnen einen Legitimationsgrund für Ihre Tätigkeit abverlangt. Aber eigentlich liegt der doch auf der Hand: Die Ungleichbehandlung der Geschlechter ist ein komplexes gesellschaftliches Phänomen. Das ist schon alles. Als solches Phänomen ist es der wissenschaftlichen Betrachtung nicht mehr und nicht weniger „wert“ als etwa das Feld der Gesundheitspolitik oder die sozialpsychologische Figur des Clowns. Sicherlich lässt sich nicht behaupten, das Anerkennungsproblem sei allein hausgemacht. Zu groß ist dafür der Widerstand, der sich zwischen Chefetage und Stammtisch gegen die Gleichstellung der Geschlechter schanzt. Und dennoch, ohne Selbstverschulden sind Genderforscher nicht für das Image Ihres Faches. Die Kommunikation außerhalb akademischer Kreise verläuft häufig nicht nur miserabel, sie geht auch an der Sache vorbei. Verbindet man mit der Forschungstätigkeit das Gender-Mainstreaming als konkretes Ziel sozialer Praxis, ist der Anspruch, das Programm in der breiten Bevölkerung zu verankern, hoch, aber er ist einzulösen. Ganz sicher gelingt das nicht durch Wiederholung verstaubter Plattitüden. „Die Konditionierung durch das Frauenbild unserer Kinderspielzimmer von Grimms Märchen über Lillifee bis zu Barbie lässt Mädchen diese Sendung [Germany’s Next Topmodel] sehen, ohne vor Wut abzuschalten“, schreibt Stevie Meriel Schmiedel unlängst in der FAZ. Dass zum Beispiel die weltberühmte Barbie schon bei unseren Jüngsten ansetzt und es unternimmt, sie in die Schablone der Geschlechterbinarität einzupassen, stimmt – und es stimmte auch schon im vergangenen Jahrzehnt und auch in den 90ern, 80ern, 70ern und 60ern des letzten Jahrhunderts. Fünfzig Jahre, in denen die Barbie für schuldig erklärt wird. Und am Ende stehen die Kläger mit der blonden Plastikpuppe im selben teuflischen Bunde. Hat sich in der Zwischenzeit denn gar nichts getan? Aber ja! Im Kern geht es doch um die Konstruktion von Grenzen. Die gesellschaftlichen Mechanismen, die sich dahinter verbergen, zu enthüllen, bedeutet echte Aufklärungsarbeit. Eine Pionierleistung im Geiste dieser Aufklärung ist Donna Haraway zu verdanken. Ihr „Cyborg Manifesto“ glänzt als raffinierte Aufschlüsselung des verinnerlichten Mann-Frau-Verständnisses. An keiner Stelle begegnet man seichter Polemik, ihre Methode ist die Ironie. Und „Borat“? In der satirischen Mockumentary vereint Sacha Baron Cohen (schon wieder so ein Komiker, dazu verwandt mit dem Psychologen Simon Baron-Cohen) so ziemlich jede diskriminierende und menschenverachtende Sichtweise in der Rolle des Protagonisten. Während einer Reise durch die USA konfrontiert Borat ausgerechnet und ironischerweise Feministinnen mit derben Sexismen. Den Frauen verschlägt es die Sprache – außerstande, das Schauspiel zu durchblicken. Was am Männlein konstruiert ist, wurde seither nicht mehr so gekonnt demaskiert – vor großem Publikum. Genau dieser lästerliche Bruch der Konventionen ist es, den Haraway als ihre Blasphemie bezeichnet. Und hierzulande? Keine Frage, Gleichstellung hat in vielen Lebensbereichen Fortschritte erzielt. Die Genderforschung hat ihren Anteil daran. Zahlreiche Studien weisen ein sauberes Forschungsdesign auf, stellen die Empirie ins Zentrum Ihrer Betrachtungen und formulieren konkrete Handlungsempfehlungen. Die Gewichtung der öffentlichen Wahrnehmung liegt allerdings anderswo. Das zeigt sich unter anderem in der bemerkenswert hohen Zahl von Reaktionen, die der Artikel „Schlecht, schlechter, Geschlecht“ von Harald Martenstein hervorgerufen hat. Der flapsig, aber recht unterhaltsam verfasste Text, in dem ein weiterer Angriff auf die akademisierte Genderforschung gefahren wird, erhielt massenhaft zustimmende Kommentare. Klarerweise gab es auch kritische Repliken, konstruktive und leider auch solche, in denen wahre Worte im Widerhall eines lauten Keifens verklangen. Akademiker sollten einer populärwissenschaftlichen Darstellung nicht beleidigt entgegen trotzen, sondern in eben jener populärwissenschaftlichen Sprache antworten. Manchem Genderforscher scheint es schwerzufallen, das Ziel seiner Bemühungen in einfachen Worten zu beschreiben. Analoges geschieht in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Immer wieder prallen Naturwissenschaften und Genderforschung (im engeren Sinne als Kulturwissenschaft) aufeinander, ohne sich auf das jeweilige Begriffsinventar zu verständigen. In Zeiten nach Foucault, Habermas und Co. sollte das doch gelingen. So bleibt es dann eben bei den zwei Diskursen – und alles offen. (Übrigens liefert Haraways Arbeit auch für diesen Vermittlungsprozess ganz wesentliche Impulse.) Schließlich gibt es da noch den Dauerbrenner: Seit Jahr und Tag werden Anstrengungen belächelt, eine korrekte Schreibweise zu etablieren. Binnen-I, Klammerung, Schrägstrich, Gender-Gap, dann noch Sternchen muten an wie der ständige Lauf vor die Wand. Wie skurril müssen dem Alltagsbewusstsein ein „Offener Brief der fem-me-inistischen aktion zu Sexismus/Femininitätsfeindlichkeit in Trans*Communities“ oder die Pressemeldung vorkommen, zu der sich die Universität Leipzig genötigt sah: „Richtigstellung: Kein Herr Professorin an der Universität Leipzig“? Ruinös kann der leichtfertige Gebrauch der Sprache sein. Dabei ist sie doch alles, was wir haben.

Anmerkung: Im Sinne einer lesefreundlichen Darstellung wird nur das maskuline Genus verwendet. Wo nicht explizit erwähnt, sind stets alle Geschlechter gemeint.

Gute Nachricht für alle, die in der hart umkämpften Medienbranche Fuß fassen möchten, aufgrund von Ungereimtheiten in ihrer Vita allerdings noch zögern, die Initiative zu ergreifen. Auch mit einem „etwas brüchigen“ Lebenslauf kann man es bis ganz nach oben schaffen:

„Karl-Heinz Dellwo, geb. 1952 in Opladen, wuchs in NRW, in der Eifel, im Saarland und im Schwarzwald auf. Volksschule, Wirtschaftsschule ohne Abschluss. Seit 1972 zugehörig zur undogmatischen Linken in Hamburg. 1973 Teilnahme an der Hausbesetzung in der Hamburger Eckhofstraße mit anschließend einem Jahr Gefängnis, 1975 Mitglied des RAF-Kommandos Holger Meins bei der Besetzung der deutschen Botschaft in Stockholm, danach über 20 Jahre im Gefängnis. Heute tätig als Autor, Filmemacher und Verleger. Mitbegründer des LAIKA-Verlags.“

Quelle: Verlagsportrait des LAIKA-Verlags

Na, das hat ja wieder einmal für Furore gesorgt: Femen-Aktivistinnen störten gestern die gemeinsame Ehrenrunde von Angela Merkel und Wladimir Putin auf der Hannover Messe und stürmten mit entkleideten Brüsten auf den russischen Präsidenten zu. Was soll man davon halten? Handelt es sich um eine neue Ausdrucksform des Feminismus? Oder konterkariert Femen diesen geradezu? Einschätzungen darüber gibt es viele. Zum Beispiel: „Während die meisten Feministinnen auf ihr Gehirn setzen, fokussiert sich Femen nur auf die Zurschaustellung weiblicher Geschlechtsteile und macht aus der Frau ein weiteres Mal nur ein Objekt der sexuellen Begierde.“ Ob die unverhüllten Körper sexuelle Begierden wecken, kann man bezweifeln. An die Stelle einer kessen „Zurschaustellung“ weiblicher Reize tritt vielmehr blanke Aggression. Darin liegt ja der Clou: die sexuelle Attraktivität des eigenen Körpers austreiben, indem er mit Schlachtrufen bemalt und kämpferisch eingesetzt wird. Diese Protestform ist nicht neu, ihre radikale Ausprägung zeichnet Femen aber aus. Aktionen wie jene auf der Hannover Messe stellen in Aussicht, dass die Unterdrückung und die Misshandlung von Frauen aller Erdteile stärker ins Bewusstsein rücken. Unkritisch sollte man der international populären Gruppe jedoch nicht begegnen. Der eben zitierte Beitrag macht nämlich auch deutlich, dass zum Teil ehrrührige, verletzende Aktionen durchgeführt werden. Erst vor wenigen Tagen erfolgte ein entblößter Auftritt vor einer Berliner Moschee der Ahmadiyya-Gemeinde. Diese Aktion wurde durch das Verschwinden der tunesischen Femen-Anhängerin Amina Tyler motiviert und richtete sich gegen den Islamismus. Zielscheibe wurden dann aber Mitglieder einer Gemeinschaft, die sich einzig aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit unter Generalverdacht gestellt sahen. Nicht verwunderlich, dass sich Widerstand regt. Inzwischen haben sich mit MuslimaPride junge Musliminnen zusammengefunden, um ihre Ablehnung gegenüber Femens Methoden kundzutun. Und wieder stehen Frauen in erster Reihe – letztlich für dieselbe Sache.

„Empört Euch!“ fordert Stéphane Hessel in seinem gleichnamigen Essay. Der französische Autor formuliert darin einen Aufruf zum Widerstand gegen prekäre Entwicklungen der spätkapitalistischen Gesellschaft, wie sie angesichts der Finanzkrise sichtbar und durch sie beschleunigt werden. Hessel, Zeitzeuge eines ganzen Jahrhunderts: Er überlebte den Holocaust, da war er schon ein erwachsener Mann. Bis zu seinem Tod vor wenigen Wochen engagierte er sich gegen soziale und politische Missstände. Wie man im Allgemeinen auch zu gesellschaftskritischen Positionen stehen mag, dem in deutscher Übersetzung 2011 erschienenen schmalen Bändchen fehlt es nicht an Substanz. Innerhalb kurzer Zeit schaffte es der Text dann auch zum Bestseller. Und wieder einmal setzte der allbekannte Reflex ein, den die Ratgeber- und Sachbuchbranche unverhohlen wie keine andere zelebriert. „Empört Euch!“, der Titel zieht. Also gleich Trittbrettfahren, zum Beispiel mit „Vernetzt Euch!“ (Lina Ben Mhenni), „Beruhigt Euch!“ (Silke Burmester), „Stoppt das Euro-Desaster!“ (Max Otte) und ganz frisch aus der Mottenkiste: „Hört auf zu arbeiten!“ von Anja Förster und Peter Kreuz. Die frech auffordernden Titel wollen einem doch tatsächlich weismachen, man habe sein Leben bis heute völlig falsch gelebt. Mal geschaut, wie man es denn richtig gestalten sollte. Da lässt sich bei Förster und Kreuz von dem „Magical Moment“ lesen, der den Beginn von etwas ganz Neuem einläutet, den Beginn eines Lebens, das man nicht etwa nur „gut“, sondern „genial“ meistert. Der Leser soll sich als „Künstler“ begreifen und tun, was ein Künstler eben so tut. Wow. Danke für diesen Tipp, liebe Ratgeber, aber die Zeiten, in denen ich unter selbst bemalten Brücken schlafen musste, habe ich hinter mir gelassen. (Das Ausrufezeichen lasse ich jetzt weg, das steht allein dem Hessel zu.)

Ein lesenswerter Nachruf auf Hessel:

http://schlossfestspiele.wordpress.com/2013/02/27/stephane-hessel-1917-2013/

Warum bloß noch ein Blog? Ich weiß, wenig originell, ein Blog mit der Frage nach dessen Sinn und Unsinn einzuleiten. Wurde sie doch schon zigmal gestellt. Und ebenso oft wurden Antworten darauf formuliert – lesenswerte wie dämliche. Aber irgendeine Rechtfertigung muss her, meine ich. Der Soziologe Jo Reichertz behauptet, „wenn er [der Blog] zu nichts führt, dann ist er überflüssig.“ Recht hat er, denn Reichertz hat die Anschlussfähigkeit eines Blogs im Auge. Erst wenn Beiträge gelesen werden und Reaktionen hervorrufen, nützen sie. In der Rezeption spielen Blogs ihr Potenzial aus, eine ganze Welt zu verändern. Reichertz hat aber eben auch unrecht, denkt man nur mal Menschen, die es danach drängt, ihre Privatsphäre in aller Öffentlichkeit zu dokumentieren. Klar, einen Ertrag für die Allgemeinheit bringt das nicht. Aber doch für den Beiträger, auch ohne dass er sich das eingestehen müsste. Zum Beispiel Bloggen zur Selbstfindung oder gar als Therapie oder einfach als Schreibübung. Bloggen kann auch zur Befriedigung eines Mitteilungsbedürfnisses herhalten, dem Geltungssüchtigen und Eitlen Anerkennung einflüstern. Warum nun also noch ein Blog? Na ja, die erste Antwort fällt nicht schwer. Ich versuche natürlich (!), getreu dem reichertzschen Paradigma allgemein relevante Inhalte abzuliefern. Tatsächlich muss ich mich aber wohl damit abfinden, dass auch ganz selbstgefällige Beweggründe am Werke sind. Was solls. Start the Dance …

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