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Die Debatte um die Wissenschaftlichkeit der Genderforschung schlägt derzeit hohe Wellen. Darauf reagiert nun das Gunda-Werner-Institut der Heinrich-Böll-Stiftung und legt unter dem Titel „Gender, Wissenschaftlichkeit und Ideologie“ eine Broschüre vor. Sie soll eine Argumentationshilfe gegen Vorhaltungen der Unwissenschaftlichkeit bieten. Die Publikation richtet sich an „Organisationsvertreter_innen und Aktivist_innen sowie Institutionen, die in diesem Bereich unterwegs sind“. Ohne einem dieser Kreise anzugehören, schauen wir doch einmal hinein.

Manche halten es für einen Mythos: Da kommt ein quirliger Komiker daher und entlarvt eine ganze Forschungseinrichtung – mit dem Resultat, dass staatliche Förderungen in Millionenhöhe eingestellt werden. Im vergangenen Jahr verbreitete sich die Nachricht von der Schließung des norwegischen Instituts für Genderstudies „Nationella sekretariatet för genusforskning“ (NIKK). Der politische Entschluss über die Streichung der Mittel fällt in einen Zeitraum, in dem die Sendung „Hjernevask“ (zu Deutsch: „Gehirnwäsche“) des Entertainers und Soziologen Harald Eia im norwegischen Fernsehen gezeigt wurde. Eia kontrastierte Statements von Vertretern technischer und naturwissenschaftlicher Fachrichtungen mit Aussagen von Genderforschern, und es gelang ihm, letztere als sehr fragwürdig darzustellen. Ob nun die Verantwortlichen Ihre Entscheidung im Lichte der Ausstrahlung dieser Sendung getroffen haben, sei dahingestellt. Viel reizvoller erscheint die Frage, auf die Eias Beitrag letztlich hinausläuft: Hat sich die geistes- und sozialwissenschaftlich betriebene Genderforschung nicht längst überholt? Wasser auf den Mühlen der Naturalisten, wenn Genderforscher ins Straucheln geraten, sobald man Ihnen einen Legitimationsgrund für Ihre Tätigkeit abverlangt. Aber eigentlich liegt der doch auf der Hand: Die Ungleichbehandlung der Geschlechter ist ein komplexes gesellschaftliches Phänomen. Das ist schon alles. Als solches Phänomen ist es der wissenschaftlichen Betrachtung nicht mehr und nicht weniger „wert“ als etwa das Feld der Gesundheitspolitik oder die sozialpsychologische Figur des Clowns. Sicherlich lässt sich nicht behaupten, das Anerkennungsproblem sei allein hausgemacht. Zu groß ist dafür der Widerstand, der sich zwischen Chefetage und Stammtisch gegen die Gleichstellung der Geschlechter schanzt. Und dennoch, ohne Selbstverschulden sind Genderforscher nicht für das Image Ihres Faches. Die Kommunikation außerhalb akademischer Kreise verläuft häufig nicht nur miserabel, sie geht auch an der Sache vorbei. Verbindet man mit der Forschungstätigkeit das Gender-Mainstreaming als konkretes Ziel sozialer Praxis, ist der Anspruch, das Programm in der breiten Bevölkerung zu verankern, hoch, aber er ist einzulösen. Ganz sicher gelingt das nicht durch Wiederholung verstaubter Plattitüden. „Die Konditionierung durch das Frauenbild unserer Kinderspielzimmer von Grimms Märchen über Lillifee bis zu Barbie lässt Mädchen diese Sendung [Germany’s Next Topmodel] sehen, ohne vor Wut abzuschalten“, schreibt Stevie Meriel Schmiedel unlängst in der FAZ. Dass zum Beispiel die weltberühmte Barbie schon bei unseren Jüngsten ansetzt und es unternimmt, sie in die Schablone der Geschlechterbinarität einzupassen, stimmt – und es stimmte auch schon im vergangenen Jahrzehnt und auch in den 90ern, 80ern, 70ern und 60ern des letzten Jahrhunderts. Fünfzig Jahre, in denen die Barbie für schuldig erklärt wird. Und am Ende stehen die Kläger mit der blonden Plastikpuppe im selben teuflischen Bunde. Hat sich in der Zwischenzeit denn gar nichts getan? Aber ja! Im Kern geht es doch um die Konstruktion von Grenzen. Die gesellschaftlichen Mechanismen, die sich dahinter verbergen, zu enthüllen, bedeutet echte Aufklärungsarbeit. Eine Pionierleistung im Geiste dieser Aufklärung ist Donna Haraway zu verdanken. Ihr „Cyborg Manifesto“ glänzt als raffinierte Aufschlüsselung des verinnerlichten Mann-Frau-Verständnisses. An keiner Stelle begegnet man seichter Polemik, ihre Methode ist die Ironie. Und „Borat“? In der satirischen Mockumentary vereint Sacha Baron Cohen (schon wieder so ein Komiker, dazu verwandt mit dem Psychologen Simon Baron-Cohen) so ziemlich jede diskriminierende und menschenverachtende Sichtweise in der Rolle des Protagonisten. Während einer Reise durch die USA konfrontiert Borat ausgerechnet und ironischerweise Feministinnen mit derben Sexismen. Den Frauen verschlägt es die Sprache – außerstande, das Schauspiel zu durchblicken. Was am Männlein konstruiert ist, wurde seither nicht mehr so gekonnt demaskiert – vor großem Publikum. Genau dieser lästerliche Bruch der Konventionen ist es, den Haraway als ihre Blasphemie bezeichnet. Und hierzulande? Keine Frage, Gleichstellung hat in vielen Lebensbereichen Fortschritte erzielt. Die Genderforschung hat ihren Anteil daran. Zahlreiche Studien weisen ein sauberes Forschungsdesign auf, stellen die Empirie ins Zentrum Ihrer Betrachtungen und formulieren konkrete Handlungsempfehlungen. Die Gewichtung der öffentlichen Wahrnehmung liegt allerdings anderswo. Das zeigt sich unter anderem in der bemerkenswert hohen Zahl von Reaktionen, die der Artikel „Schlecht, schlechter, Geschlecht“ von Harald Martenstein hervorgerufen hat. Der flapsig, aber recht unterhaltsam verfasste Text, in dem ein weiterer Angriff auf die akademisierte Genderforschung gefahren wird, erhielt massenhaft zustimmende Kommentare. Klarerweise gab es auch kritische Repliken, konstruktive und leider auch solche, in denen wahre Worte im Widerhall eines lauten Keifens verklangen. Akademiker sollten einer populärwissenschaftlichen Darstellung nicht beleidigt entgegen trotzen, sondern in eben jener populärwissenschaftlichen Sprache antworten. Manchem Genderforscher scheint es schwerzufallen, das Ziel seiner Bemühungen in einfachen Worten zu beschreiben. Analoges geschieht in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Immer wieder prallen Naturwissenschaften und Genderforschung (im engeren Sinne als Kulturwissenschaft) aufeinander, ohne sich auf das jeweilige Begriffsinventar zu verständigen. In Zeiten nach Foucault, Habermas und Co. sollte das doch gelingen. So bleibt es dann eben bei den zwei Diskursen – und alles offen. (Übrigens liefert Haraways Arbeit auch für diesen Vermittlungsprozess ganz wesentliche Impulse.) Schließlich gibt es da noch den Dauerbrenner: Seit Jahr und Tag werden Anstrengungen belächelt, eine korrekte Schreibweise zu etablieren. Binnen-I, Klammerung, Schrägstrich, Gender-Gap, dann noch Sternchen muten an wie der ständige Lauf vor die Wand. Wie skurril müssen dem Alltagsbewusstsein ein „Offener Brief der fem-me-inistischen aktion zu Sexismus/Femininitätsfeindlichkeit in Trans*Communities“ oder die Pressemeldung vorkommen, zu der sich die Universität Leipzig genötigt sah: „Richtigstellung: Kein Herr Professorin an der Universität Leipzig“? Ruinös kann der leichtfertige Gebrauch der Sprache sein. Dabei ist sie doch alles, was wir haben.

Anmerkung: Im Sinne einer lesefreundlichen Darstellung wird nur das maskuline Genus verwendet. Wo nicht explizit erwähnt, sind stets alle Geschlechter gemeint.

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